Angedacht 202003

Es wird freundlicher, heller… und schmeckt

 

Ich mag Salz. Ein Schmalzbrot ohne wäre ungenießbar! Die Suppe bliebe fad. Auch unser Organismus braucht Salz für den Stoffwechsel, die Blutbildung, die Muskeltätigkeit und vieles mehr. Das schöne am Salz ist: Wenig hat viel Wirkung. Gleiches gilt für das Licht: eine einzige Kerze kann einen großen Raum erhellen. Salz und Licht verwandeln ihre Umgebung. So stelle ich mir Christinnen und Christen vor: Nicht größenwahnsinnig im Sinne von: eben mal die Welt retten. Sondern mit der kleinen Kraft von Salz und mit dem flackernden Schein des Lichts das Umfeld verwandeln. Und siehe da: es wird freundlicher, heller - und schmeckt!

 

Die Arbeit als Pfarrer in Genf macht mir große Freude und ich bin dankbar, dass ich noch bis Sommer 2021 hier Dienst tun darf. Alltag oder Routine gibt es selten, auch wenn die Abläufe inzwischen erprobt sind und das Regelmäßige gut funktioniert. Der Gemeindevorstand unterstützt mich und gibt immer wieder wichtige Impulse für das Gemeindeleben. Mit meinen Mitstreitern im Pfarramt Matthias Burghardt und Dagmar Magold sowie Andy Willis von der englisch-sprachigen Gemeinde besteht eine gute Kollegialität und gegenseitige Unterstützung. In der „Zentrale“ hält Gitta Hanke die Strippen zusammen und achtet darauf, dass nichts und niemand vergessen wird. 

Ökumenisch bin ich froh über das vertrauensvolle Miteinander mit den Freundinnen und Freunden aus der Madeleine-Gemeinde und St. Boniface. Im vergangenen Jahr haben wir erstmals eine deutsch-sprachige ökumenische Sommerkirche gefeiert und viel mehr gemeinsam gemacht als in den Jahren zuvor. 

 

Besonders schön fand ich den Himmelfahrtsgottesdienst in Hermancia und den Theatergottesdienst über Zwingli und Luther. Es gab noch mehr: einen Vortrag über Karl Barth und die Ökumene sowie die ökumenischen Großereignisse wie den St. Martins-Umzug, den wir erstmals in der Kathedrale feiern konnten. Es ist schon etwas besonderes, wenn ca. 500 Menschen, darunter ein Großteil Kinder, mit ihren Lampions durch die Genfer Altstadt ziehen und an das von St. Martin vorgelebte Prinzip der Nächstenliebe erinnern. Schöner kann das Bild vom „Licht der Welt“ nicht sein. Ökumenisch geübt sind wir inzwischen bei der Gebetswoche für die Einheit der Christen und beim Weltgebetstag. Miterleben durften wir auch die eindrückliche Lesung aus Thomas Manns Roman „Josef und seine Brüder“, die von Barbara Blum angeboten wurde. Und das ökumenische Theaterprojekt „Die wilde Reformation“ wird in diesem Jahr - am Samstag, 25. April, 17.00 Uhr, in der lutherischen Kirche – aufgeführt. Ein besonderer Dank an meine Kollegin Katharina Vollmer, die mit vielen Ideen und unermüdlichem Engagement die deutsch-sprachige Ökumene am Ort befördert hat. 

 

Für uns persönlich – aber ich glaube auch für die 29 Konfirmandinnen und Konfirmanden – war die Konfirmation an Pfingsten in der Kathedrale ein besonderer Höhepunkt. Mit welcher Freude und Offenheit die jungen Leute von ihrem Glaubensweg erzählt haben, der ja selten geradlinig oder einfach ist, war auch für uns Erwachsene und für mich als ihren Begleiter eindrücklich. Das Licht, das nicht von uns selbst kommt, scheint auf, strahlt und berührt andere. Erneut entstand ein tolles Video von Constantin Hermann über dieses Fest. 

 

Wie schön, dass wir auch im letzten Jahr wieder vier Jugendliche zum Jugendleitergrundkurs nach Hallig Hooge schicken konnten. Und dass die Zahl der Teamer gleichbleibend hoch ist, gegenwärtig liegt sie bei ca. 15 - 20 Personen, ist großartig. Erneut konnten wir 20 Teamer-Pullis für das corporate design in der Jugendarbeit bestellen, die mit Stolz getragen werden.  

 

Seelsorge ist eine beständige Herausforderung – und hier plagt mich oft das schlechte Gewissen, weil ich viel weniger Besuche schaffe, als ich es gern tun würde. Aber die Tür der Kirche ist immer offen. Auch außerhalb der Öffnungszeiten! Wenn ich an die Verstorbenen des vergangenen Jahres denke, dann bin ich froh, dass ich keinen beerdigen musste, den ich nicht länger oder kürzer vorher begleitet habe, wo es bestehende Beziehungen und verbindende Gemeinschaft gab. Das ist in Deutschland ganz anders! Und wie gut, dass der Besuchsdienstkreis unter Leitung von Christel Grosse wieder eine wunderbar hilfreiche Arbeit gemacht hat. Denn gerade das ist für mich eine der besonderen Aspekte unserer Gemeinde, dass wir alle eingebunden sind in ein Netz aus Beziehungen, das uns gerade auch im Schweren miteinander trägt. Ich bin gleichwohl froh, wenn Gemeindeglieder sich auch von sich aus melden und sagen: Können Sie mich mal besuchen kommen? Es war eine besondere Freude, als wir im Advent gleich an zwei Sonntagen mit einer wachsenden Zahl von Sängerinnen und Sängern, darunter erfreulich vielen Kindern und Jugendlichen, mit der Kurrende in Altenheimen und bei Gemeindegliedern zu Hause gesungen haben. Vielleicht nicht gleich Licht der ganzen Erde. Aber ein wenig Licht und Freude haben wir zu einzelnen Menschen gebracht – und das zählt ja auch. 

 

Als Gemeinde leben wir nicht für uns selbst. Wir stehen in vielerlei Beziehungen auf kantonaler und auf nationaler und internationaler Ebene. Mit der „Plateforme interreligieuse“ haben wir seit vorletztem Jahr eine kleine Tradition begründet, um den Tag der Menschenrechte (10. Dezember) herum einen Genfer Pilgerweg „Faith for Rights“ (Religionen für Menschenrechte) zu etablieren, der uns im letzten Jahr von der lutherischen Kirche über die Albanische Moscheegemeine Dituria in Plan-les-Ouates bis zu den Adventisten nach Collonges-sous-Salève geführt hat. Ein kleines Zeichen für die Menschenrechte – aber mit wachsender Wahrnehmung unter den anderen Religionsgemeinschaften. Ihr seid das, wir sind das Salz dieser Erde. 

Auf nationaler Ebene war ein Höhepunkt das Zwingli-Jahr. Wir, d.h. der Bund Evangelisch-Lutherischer Kirchen in der Schweiz (BELK), haben es zusammen mit dem Reformierten Kirchenbund in Zürich mit einem Seminar auf den Spuren Ulrich Zwinglis begangen. Wir haben auch gemeinsam an den großen Theologen Karl Barth erinnert. Auf lokaler Ebene mit einem Vortrag des Genfer Systematikers Prof. Chalamet von der Uni Genf und auf nationaler Ebene mit einem Besuch des Karl-Barth-Archivs in Basel. 

 

Im BELK haben wir eine Ordinationsordnung erarbeitet, die es Pfarrerinnen und Pfarrern aus anderen Kirchen ermöglichen soll, in einer Gliedkirche des BELK tätig zu werden. 

Über den BELK sind wir als Gemeinde auch Mitglied im Lutherischen Weltbund. Auf globaler Ebene erinnerte der LWB im vergangenen Jahr mit einem Festgottesdienst in der Genfer Kathedrale an die gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre, die Katholiken und Lutheraner in besonderer Weise miteinander verbindet. Auch das ein wichtiges Zeichen an die Welt: Christinnen und Christen verbindet viel mehr, als sie trennt. Zukünftig soll zum Reformationstag an das gemeinsame Erbe erinnert werden. Eine Ermutigung für die Ökumene, Licht der Welt zu sein. 

 

Und in der Gemeinde selbst? Die regelmäßigen Treffen in den Gemeindegruppen und -kreisen gehören zur Beziehungs- und Glaubensarbeit. Im Kreis für Glaubensfragen haben wir im vergangenen Jahr über das z.T. sehr persönliche Thema Schuld und Vergebung gesprochen, im Gesprächskreis stand die Erinnerung an Karl Barth und – schon im Vorgriff auf dieses Jahr – die religiöse Haltung Beethovens auf dem Programm. Beim Treffpunkt Gemeinde hörten und sahen wir einen Reisebericht aus Ungarn, besuchten eine alte Buchbinderei in Carouge, gingen spielerisch auf „Lebensreise“ und feierten eine schöne Adventsfeier im Dezember. Auch eine schöne Tradition sind unsere sommerlichen Gemeindefahrten, in diesem Jahr ging es ins „Vallée Verte“ und wir besichtigten eine alte Abtei in Peillonnex. 

 

Erneut gab es wunderbare Musik: Zu Karfreitag mit Chorälen aus der Matthäuspassion. Mit Magnifikat-Vertonungen im Advent. Mit ad-hoc-Chören am Erntedankfest, am ersten Weihnachtstag und am Sylvester-Abend. Und auch der Posaunenchor war fast einmal monatlich im Einsatz: beim Adventsmarkt und beim St. Martins-Umzug, zu Christi Himmelfahrt und bei den ökumenischen Gottesdiensten. Musik ist Verkündigung. Für viele scheint hier Gottes Licht besonders intensiv in die Welt. Dank an die MitspielerInnen im Posaunenchor und an die MitsängerInnen im Chor: Ich bin dankbar, dass wir so viel schöne Musik zusammen machen können. 

 

Im letzten Jahr haben wir uns verabschiedet von unserer langjährigen Reinigungskraft Maria da Rocha und von unserer langjährigen Concierge Ernika Mance. Beide Positionen sind nun in einer Person vereinigt, bei Ledi Mance, Ernikas Schwester. 

 

Ich bin gespannt auf ein neues – und mein letztes ganzes - Jahr in der Genfer Gemeinde, denn im Sommer 2021 endet mein Dienst in Genf und wir werden zurück nach Deutschland gehen (müssen).  

Marc Blessing