Angedacht_201912

Es gibt für mich zwei Lieder, die unbedingt zu Weihnachten hinzugehören. Fehlen sie, so fehlt mir etwas. Nein, es ist nicht: Stille Nacht. Ich weiß, auch das darf im Heiligabend-Gottesdienst nicht fehlen. Mir persönlich wichtiger ist das freudig-festliche Lied: O du fröhliche! Wir singen es am Ende der Christvesper in der dunklen, nur von Kerzen erleuchteten Kirche: 

 

O du fröhliche, o du selige,

gnadenbringende Weihnachtszeit!

Welt ging verloren,

Christ ist geboren:

Freue, freue dich, o Christenheit!

 

Es ist die Weihnachtsfreude, die so unvergleichlich schön in Melodie und Text zum Ausdruck gebracht wird, die mir das Herz wärmt. Freude über die Geburt des Gotteskindes, in dem die Christenheit den Retter der verlorenen Welt erkennt. Freude darüber, dass mitten in der dunklen Nacht ein Stern aufgeht. Freude darüber, dass Gott unsere Art angenommen hat und nicht unsere Unart. Die Melodie reißt einen mit und kann, auch wenn einem, wie oft an Heiligabend, gar nicht nach singen zumute ist, in mir Zuversicht und Dankbarkeit wecken. 

 

Das andere ist ein weniger bekanntes, mir aber ebenso unverzichtbares Lied: Freuet euch ihr Christen alle (EG 34).

 

Freuet euch, ihr Christen alle!

Freue sich, wer immer kann:

Gott hat viel an uns getan.

Freuet euch mit großem Schalle,

dass Er uns so hoch geacht‘t,

sich mit uns befreund‘t gemacht.

Freude, Freude über Freude:

Christus wehret allem Leide.

Wonne, Wonne über Wonne:

Christus ist die Gnadensonne.

 

Ich freue mich und bin dankbar, dass Gott sich “mit mir befreund’t gemacht hat.” Wenn ich das Weihnachtsgeschehen recht verstanden habe, dann ist Jesus für mich, für mein Leben, geboren. Seit dem Kind in der Krippe darf ich zu Gott “Vater” sagen. Durch Jesus ist mir der Zugang zu Gott leicht gemacht: Ich darf ihm mein Leben erzählen, ich darf vor ihm jammern. Ich darf klagen und weinen – und er wird mich trösten. Vielleicht anders, als ich mir das ausgedacht habe, aber ganz sicher wird er mich trösten. Ich darf zu ihm flehen und er wird mir antworten. Vielleicht wird er mir nicht Recht geben, aber er wird mir antworten und mir einen Weg zeigen, der zum Leben führt. Christus wehret allem Leide. 

In diesem Gemeindeboten suchen wir den Zugang zur Weihnachtsfreude über die Advents- und Weihnachtslieder. Keine Zeit im Kirchenjahr ist so eng mit Gesang und Musik verbunden. Die Lieder helfen uns, dem Geheimnis der Weihnacht nachzuspüren und es zu entschlüsseln. 

 

Gerade, wenn mein Herz schwer und meine Sorgen groß sind, können einen die Lieder über die weihnachtliche Freude zur Dankbarkeit führen. Ich singe sie umso lauter mit, je schwerer mir das Herz ist. Und für den Moment des Singens weicht das Schwere und der Dank wächst. Vielleicht ist es ein bescheidener Dank, ein einfacher Dank, aber es ist ein Schritt hin zur Weihnachtsfreude: 

 

Herr, ich danke dir, dass ich leben darf.

Ich danke dir für die Sonne, 

die meinem Leben die Farben schenkt,

und ich danke dir für die Nacht, 

die mich zur Ruhe kommen lässt. 

 

Ich danke dir für die Blumen und ihren Duft, und ich danke dir für den dürren Zweig, der so viele Formen in sich birgt.

 

Ich danke dir für den Stein, der meine Zeit nicht kennt,

und ich danke dir für das Holz, das wächst und vergeht.

 

Ich danke dir für den Verstand, 

der mich dich erkennen lässt,

und ich danke dir für den Zweifel, 

der meine Sicherheit nimmt.

 

Ich danke dir für das Lachen, 

das alles leichter macht,

und ich danke dir für das Weinen, 

damit ich nicht übermütig werde.

 

Ich danke dir für die Menschen, 

die mir mein Leben schenken,

und ich danke dir für die Einsamkeit, 

in der meine Sehnsucht erwacht.

 

Ich danke dir für meine Hoffnung, die mich leben lässt,

und ich danke dir für die Leere in meinem Leben, in der ich nach dir frage.

 

Ich danke dir, dass du mir deine Worte in die Hand gelegt hast,

und ich danke dir, dass ich sie nicht immer verstehe.

 

Ich danke dir, dass du dem Tode seine Macht genommen hast,

und ich danke dir, dass das Leben auf dieser Welt auch ein Ende finden darf.

 

Herr, ich will dir danken für mich und ich will dir danken für dich.

Du willst bei mir sein, lass es mich spüren. 

Ich bitte dich um Freude in meinem Leben.

Komm zu mir. 

Marc Blessing