Samstag, 13. Juni 2020: ein gutes Wort für den Tag: Denkmäler

Samstag, 13. Juni 2020: ein gutes Wort für den Tag: Denkmäler


# Berichte
Veröffentlicht von Marc Blessing am Sonntag, 14. Juni 2020, 15:09 Uhr

Samstag, 13. Juni 2020: ein gutes Wort für den Tag: Denkmäler


Wort für den Tag

Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei - aber die Liebe ist die grösste unter ihnen. 1. Kor 13, 13


Impuls - von Matthias Burghardt

Denkmäler durchleben derzeit schwere Zeiten: In den USA werden Denkmälern von Leuten mit rassisistischen Ansichten oder mutmasslich rassistischen Ansichten gestürzt. Ebenso in vielen anderen Ländern der Welt. 


So wurden Denkmäler von Christoph Columbus umgerissen. 28 Jahre, nachdem manche von ihnen erst aufgestellt worden waren, zum 500. Jahrestag der Entdeckung Amerikas. Schon damals, 1992, war das Ereignis an sich Grund für heftige Diskussionen. An die Wand meiner Studentenbude hängte ich das EKD-Plakat: "500 Jahre- ein Grund zu Feiern?" Bilder von Favellas und traurig blickenden Nachkommen der amerikanischen Urbevölkerung kommentierten die Frage. Damals gab es keine öffentlichen Diskussionen, jedenfalls hab ich sie nicht mitbekommen. Vermutlich wurde den Initiativgruppen freundlich auf die Schulter geklopft, um dann mit den Feierlichkeiten fortzufahren. Aber jetzt stürzen die Denkmäler. Zur selben Zeit, wo die indigene Bevölkerung Brasiliens durch Landraub, Umweltzerstörung und Corona wie nie zuvor bedroht ist. Vielleicht wäre es besser, sich zuerst mit lebenden Menschenverächtern auseinanderzusetzen, als die Denkmäler der toten, mutmasslichen oder tatsächlichen, Rassisten zu schleifen. 


Wenn ich an Genfer Denkmäler denke, dann fallen mir verschiedene Stein- und Bronzeköpfe ein. Ich erinnere mich nicht, an wen erinnert werden soll. Ich weiss allerdings, dass ein Admiral dabei ist, in der Nähe der russischen Kirche. Vermutlich nicht unbedingt ein Philanthrop. Dann das Vollbild von Gandhi im Schneidersitz (den kriegen wir in Estland jetzt auch, wird uns von der Republik Indien geschenkt und in einem Park in einem Plattenbaugebiet aufgestellt) und natürlich Pictet de Rochemont, einer der Urheber der Schweizer Neutralität. Ob der wohl Rassist war...?

Denkmäler haben es schwer, denn sie verkünden den Ruhm von Menschen, der, wie alles Menschliche, vergänglich ist. Wer eben noch als Entdecker gefeiert wurde, steht morgen als Verbreiter einer Pandemie und Förderer der Sklaverei am Pranger. Bilderstürmer gab es zu allen Zeiten. Mancher Bildersturm war (und ist) sicherlich berechtigt. Stalin- oder Hitlerbüsten kann man ja nicht einfach stehen lassen! Ich lerne aus dem gegenwärtigen Bildersturm dreierlei:


Erstens: Es ist besser, sich gut zu überlegen, wem warum ein Denkmal gesetzt wird, und ob die Tatsache, dass der Mensch irrt, der bösen Versuchung erliegt oder gar die Lebensleistungen eines Tages völlig anders bewertet werden, nicht dazu führen wird, dass das Denkmal dann doch wieder abgerissen wird. Das spart Kosten, Mühen und Ärger.


Zweitens: Es ist wichtig, dass auch Bilderstürmer sich vor Augen halten, dass Menschen nicht fehlerfrei sind, sogar die, für die Denkmäler gebaut werden, und dass die Menschen fairerweise mit ihrem geschichtlichen Hintergrund beurteilt werden sollten. Wenn ich mich mit meinen Einsichten zum Richter über Lebende und Tote erhebe, dann nehme ich eine Rolle ein, die mir nicht gebührt. Diese Erkenntnis lehrt Gelassenheit. Hinsichtlich der Denkmäler zum Beispiel: Der goldene Louis XIV in Lyon ist für mich eher ein Stolperstein als ein Denkmal. Aber abreissen? Ich bin ja nur Gast in Lyon. Und die Tauben drücken doch schon das aus, was ich beim Betrachten dieses Denkmals empfinde. Und vielleicht irre ich mich ja auch in meinem Urteil über ihn. Gott weiss es. Aber diese Einsicht lehrt Gelassenheit auch hinsichtlich der Urteile: Ich habe mich gewundert, dass ausgerechnet Astrid Lindgrens literarisches Denkmal zurechtgebogen wurde. Ich vermag beim besten Willen keinen Rassismus darin zu entdecken, dass Efraim Langstrumpf, der Vater von meiner Heldin Pippi, König eines Eingeborenenvolkes im globalen Süden wird. Das zeigt doch umgekehrt gerade, dass die Hautfarbe (auch für Astrid Lindgren) völlig egal ist, wenn nur die Bewerbung für das höchste Amt überzeugend ist. Und ein Wahlkönigtum ist doch eigentlich viel fortschrittlicher als eine Erbmonarchie, wie Lindgren sie in Schweden erlebt hat...


Drittens: Der Kirchenvater Augustinus lehrt uns, dass alles "sub specie aeternitatis" betrachtet werden soll. Die ewigen, unwandelbaren Dinge, die sind im Bereich Gottes zu suchen. Und der Apostel schreibt uns im 1. Korintherbrief, was es ist: Glaube, Liebe und Hoffnung. Wo diese Ewigkeiten enthalten sind, da wird selbst menschliches Tun bleibenden Wert behalten. Keinen menschlichen Ruhm vermitteln, aber Dankbarkeit erwecken. Und das ist doch auch nicht schlecht!


Gedicht

Zum Schluss eines meiner Lieblingsgedichte. Es ist von Joachim Ringelnatz:

Es war einmal eine Schnupftabaksdose,

die hatte Friedrich der Grosse 

sich selbst geschnitzt, aus Nussbaumholz,

und darauf war sie natürlich stolz.

Da kam ein Holzwurm gekrochen,

der hatte Nussbaum gerochen.

Die Dose erzählte ihm lang und breit 

von Friedrich dem Grossen und seiner Zeit.

Der Holzwurm, indem er zu bohren begann:

"Was geht mich Friedrich der Grosse an?"


Gebet

Lieber Himmlischer Vater,

wir danken Dir, dass Du uns Menschen so vielfältig und wunderbar geschaffen hast. Mit ungezählten Gaben, mit denen wir lernen, einander zu dienen. Danke, dass Du selbst in Jesus Mensch geworden bist und uns damit als Menschheit geehrt hast. Wir bitten Dich, hilf uns, einander zu allererst als Menschen zu sehen. Beschütze die Schwachen, Verfolgten und Bedrohten und leite, die anderen Böses tun, zur Buße. Lass Dein Reich unter uns wachsen. Wir singen Dir unser Lob in allen unseren Sprachen. Amen.


Lied: Reich (Arno Backhaus und Andreas Malessa)

https://www.youtube.com/watch?...