Dienstag, 26. Mai 2020: ein gutes Wort für den Tag: quer gesehen, quer gedacht

Dienstag, 26. Mai 2020: ein gutes Wort für den Tag: quer gesehen, quer gedacht


# Berichte
Veröffentlicht von Marc Blessing am Dienstag, 26. Mai 2020, 10:49 Uhr
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Dienstag, 26. Mai 2020: ein gutes Wort für den Tag: quer gesehen, quer gedacht


Vor dem Lesen des Impulses empfiehlt es sich, das folgende kleine Video anzusehen aus dem "Illusion Art Museum" in Prag: https://www.youtube.com/watch?...


Am letzten Donnerstag feierten wir, wie schon seit vielen hundert Jahren, dass Jesus in den Himmel aufstieg und nun „zur Rechten Gottes sitzt". Es gibt kein Foto, kein Video von diesem Ereignis, nur den Bericht in der Apostelgeschichte von einem Autor, den wir nicht kennen. Aber wir glauben der Geschichte und bestätigen sie in unserem Glaubensbekenntnis. Was ist wirklich an ihr?


Impuls: Quer gesehen, quer gedacht - von Barbara Blum

Wir leben in einer merkwürdigen Zeit. Ziemlich genau seit Beginn der diesjährigen Passionszeit herrscht ein Ausnahmezustand, den wir als "Corona-Zeit" bezeichnen. "Corona" heißt Krone, Kranz. "Corona-Zeit" ist also eine bekrönte oder bekränzte Zeit. Sie wird mit großen Worten beschworen: Einmalig in der Geschichte der Menschheit und: Danach wird nichts mehr sein, wie es war. Aber der Name trägt einen bitteren Widerspruch in sich, denn diese "corona" besteht nicht aus frühlingshaften Blütenzweigen oder Gold und Edelsteinen, sondern aus einem Krankheit und Tod bringenden Virus. Sie macht uns nicht zu Herrschern, sondern, im Gegenteil, zu hilflosen, angstbesetzten Akteuren vor einer unsichtbaren Macht. Und der Zustand hat noch kein Ende, wenn auch die strengsten Regeln allmählich gelockert werden.

Um die unsichtbare Macht zu bekämpfen, sind wir alle gehalten, uns selbst zu isolieren. Nicht um uns zu schützen, sondern um andere vor uns zu schützen. Selbstachtung ist hier nicht gefragt. Menschliche Zuwendung wird – den Ingenieuren und Technikern sei Dank – durch Telefon und Internet ermöglicht. Und die Pflege unserer Angehörigen wird dem technisch geschulten Personal in den Hochsicherheitstrakten der Krankenhäuser anvertraut – den Pflegern und Pflegerinnen sei Dank.

Früher sagten wir wohl auch Gott sei Dank! Vor allem wenn ein Mensch wieder gesund wurde. Da gab es noch keine Beatmungsmaschinen und nicht die gezielt wirkenden Medikamente. Aber man vertraute auf die Selbstheilungskräfte von Körper und Seele und stärkte sie im Umgang mit der freien Natur, durch liebevolle Zuwendung und vor allem Gottvertrauen.

Unvergessen ist mir, wie in einer Zeit, in der das Penicillin noch nicht erfunden war, ich nach sechs Monaten Bettlägerigkeit wegen schwerer Komplikationen nach einer Kinderkrankheit von vier Leuten mit meinem Bett unter einen blühenden Apfelbaum gelegt wurde. Um mich herum auf einmal milde Frühlingsluft, hellblauer Himmel und eine zarte Blütenpracht, im Hintergrund aber die Gewissheit geliebt und umsorgt zu sein. Das machte mich wieder gesund. Und wir alle sagten Gott sei Dank!

Es gehört so viel dazu, um gesund zu bleiben. Rat kann man von vielen verschiedenen Ratgebern bekommen, Angst ist der schlechteste unter ihnen. Und doch starren wir immer wieder angstvoll auf die weltweit steigenden Zahlen der mit Corona Infizierten und Toten, die täglich ausgestrahlt werden. Dabei könnte man uns ebenso gut täglich mit den vielfach größeren Zahlen der Genesenden füttern.

Was ist "wirklich"? Mit dieser Frage beschäftigt sich eine Ausstellung in Prag, von der ich das angehängte Video zugeschickt bekam. 

Aushängeschild ist ein modern gestaltetes Porträt von Kafka. Wenn man aber das Video in Gang setzt, beginnt die Kamera, andere Perspektiven einzunehmen. Und plötzlich eröffnet sich ein völlig neues Bild, ein weiter Raum, voller Gegenstände aus der damaligen Alltagswelt. Ein anderes Porträt löst sich auf in unzählig viele Schuhsohlen, die, wie man denken muss, ihre Spuren in dem poträtierten Menschen hinterlassen haben. Immer wieder löst sich der erste Eindruck in vollkommen neue Bilder auf. Ein faszinierender Anstoß dazu, unser eigenes Denken wieder einmal kritisch zu beleuchten.

Übertragen auf die Corona-Zeit könnte ein solcher Perspektivenwechsel ganz neue Erkenntnisse liefern. Was ist hier "wirklich"? Mit oder ohne Corona: Der Tod ist eine konkrete, präsente Wirklichkeit, die zum Leben gehört, auch wenn wir ihn gerne aus unserer Wahrnehmung verbannen würden. Neu und noch nie dagewesen ist allerdings, dass wir glauben sollen, wir könnten ihm entkommen, indem wir unsere menschlichen Kontakte durch moderne Technik ersetzen.

Nach zehn Wochen Isolation als allein lebende Person mit "höchster Gefährdungsstufe" weiß ich nun sehr genau, was mich immer am Leben gehalten hat: menschliche Nähe. Berühren und Berührtwerden im direkten und übertragenen Sinn – erst dadurch kann sich ein heiliger Geist auch heilend entfalten.

 

Gebet (Mörike)

Herr! schicke, was du willt, 

Ein Liebes oder Leides; 

Ich bin vergnügt, daß Beides 

Aus Deinen Händen quillt.


Liedstrophe

Seht ihr den Mond dort stehen?

Er ist nur halb zu sehen

Und ist doch rund und schön.

So sind wohl manche Sachen,

Die wir getrost belachen,

Weil unsre Augen sie nicht seh'n.


Hinweis: Am kommenden Freitag laden wir Sie zu einem virtuellen Treffpunkt Gemeinde ein um 15.00 Uhr bei einer Tasse Kaffee und Kuchen. Wie gewohnt können Sie sich über folgenden link ab ca. 14.45 Uhr dazu "zoomen"/schalten: 

Zoom-Meeting beitreten: https://us02web.zoom.us/j/8260...

Meeting-ID: 826 0908 0217 

Passwort: 170511