Dienstag, 12. Mai: ein gutes Wort für (fast) jeden Tag: eine Arche

Dienstag, 12. Mai: ein gutes Wort für (fast) jeden Tag: eine Arche


# Berichte
Veröffentlicht von Marc Blessing am Samstag, 16. Mai 2020, 23:45 Uhr

Dienstag, 12. Mai: ein gutes Wort für (fast) jeden Tag: eine Arche


Hinweis: Ab heute verschicken wir nur noch Dienstags, Donnerstags und Samstags ein gutes Wort. Mit den allgemeinen Lockerungen lockern wir auch den Rhythmus der guten Worte. 


Wort für den Tag

Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht. 1. Buch Mose 8, 22


Impuls - Die Arche - von Matthias Burghardt

Am Freitag, dem 8. Mai war es so weit: Nach 53 Tagen schloss ich zum letzten Mal die Kirche auf, um aus ihr eine "offene Kirche" zu machen. Seit Sonntag, dem 10. Mai sind in Estland Gottesdienste (unter Einhaltung von sozialem Abstand und desinfizierenden Massnahmen) wieder erlaubt. Als Reaktion auf das Gottesdienstverbot vom 13. März hatte ich mir überlegt, dass es doch eine schöne Möglichkeit ist, die Kirche für Gebete und persönliche Andacht offen zu halten, bis wir wieder Gottesdienste feiern dürfen. Das hat gut geklappt und wurde dankbar angenommen. Alle hielten den vorgeschriebenen Abstand ein. In dieser Zeit gab es verschiedene Bitten um Einzelabendmahl (war bei uns erlaubt), Trauergespräche und die eine oder andere spontane Kirchenführung mit Abstand, sogar eine Wohnungs- und Arbeitsvermittlung in einem Fall. Es waren täglich zwischen 1 und 8 Menschen über die 2 Stunden verstreut in der Kirche.

In der letzten Woche ist niemand gekommen. Das schöne Wetter, die zurückgehenden Infektionszahlen (mit Stand vom 9. Mai in ganz Estland noch 48 Leute im Krankenhaus, davon 5 auf der Intensivstation, seit Beginn der Erfassung verstarben 60 Menschen) und das Wissen darum, am Sonntag um 11 in den Gottesdienst kommen zu können, mögen dazu beigetragen haben. 

Als ich die Türen also aufmachte und die Kerzen anzündete, wurde ich plötzlich traurig. 

Einerseits, weil ich meine Tage in der Kirche durchaus genossen habe. Es gibt dort viel zu sehen, ich hatte immer etwas zu tun dabei, bin ab und zu auf dem Friedhof spazierengegangen, bei Temperaturen knapp über 0 Grad im Innenraum schmeckt heisser Tee sehr gut, und darüberhinaus kommt Kirche ja von kyriakos-(gr.) dem Herrn gehörig. Es ist also der Ort, der eben als Haus Gottes gedacht und gebaut worden ist und über Jahrhunderte auch so betrachtet wurde, das gibt ihm eine besondere Würde, und das habe ich jeden Tag gespürt. In Zukunft habe ich viel weniger Zeit hier zu sein.

Andererseits wurde ich traurig, weil ich dort ganz alleine war, wie schon die ganze Woche lang. Ich versuchte einen Moment den bitteren Gedanken zu vertreiben, dass der Mensch eben so sei: er fände den Weg zur Kirche bei Gefahr und Unruhe, danach aber ist sie ihm wieder egal. Doch da drängte sich mir ein ganz anderes Bild auf: Die offenen Flügeltüren im Sonnenschein, die brennenden Kerzen auf dem Altar- wie ein Schiff, das den Hafen erreicht und die Tore geöffnet hat, aus dem alle in den Frühling hinausgeströmt sind. Eine Arche - für eine Zeitlang Schutz- und Lebensraum, und dann geöffnet und leer, weil sie ihren Auftrag für dieses Mal erfüllt hat. 

Es wäre lustig zu spekulieren, wie Noahs Familie aus dem verlassenen, riesigen Holzkasten sich ein Haus baut und Feuerholz gewinnt, das für Jahre reicht, selbst bei dem Klima auf einem hohen Berg. Arche kommt von arca- (lat.) Kasten. So wird in der Bibel auch die Bundeslade bezeichnet in der die Dokumente des Bundesschlusses zwischen Gott und den Menschen aufbewahrt werden. Ein Kasten für die Versicherung, dass Gott da ist und dass wir zu Gott gehören, seine Ordnungen und Verheissungen bei uns haben. Die Kirche und die Arche, sie haben viel gemeinsam. 

Etymologisch auf einem anderen Dampfer als arca ist das griechische Wort Arché. Das ist der Ursprung, das Bauprinzip und das Material, aus dem und in dem alles besteht. Die Essenz der Welt sozusagen. Würde auch gut passen. 

Jedenfalls war ich plötzlich ganz getröstet. Unsere Arche hat ihren Auftrag diesmal erfüllt. Ein Wohnhaus oder Feuerholz wird sie nicht, sie wird auch nicht zurückgelassen und vergessen. Wir halten sie in Schuss. Denn sie gehört zum Herrn und ist der Kasten, an dem wir uns Gottes versichern und auf Gott hören können. Und nur Gott weiss, wann und wie unsere Arche in Zukunft neu zur Arche wird.


Gebet der Taube

Die Arche wartet, Herr, die Arche wartet auf das Wollen Deiner Güte! Und auf das Zeichen Deines Friedens ... Ich bin die einfältige Taube. Einfältig! Wie die sanfte Huld, die von Dir her kommt. Die Arche wartet, Herr! Sie hat gelitten ... Laß mich ihr bringen diesen Zweig der Hoffnung und Freude! Und niederlegen im Herzen ihrer Hingegebenheit die makellose Gnade, mit der Deine Liebe mich umkleidet hat!

Amen


Carmen Bernos de Gasztold

Quelle: https://www.museum-krumbach.de...


Lied: Jauchzt, alle Lande, Gott zu Ehren (EG 279) nach Psalm 66

1) Jauchzt, alle Lande, Gott zu Ehren, rühmt seines Namens Herrlichkeit, 

und feierlich ihn zu verklären, sei Stimm und Saite ihm geweiht. 

Sprecht: Wunderbar sind deine Werke, o Gott, die du hervorgebracht; 

auch Feinde fühlen deine Stärke und zittern, Herr, vor deiner Macht.

3) Ins Trockne wandelt er die Meere, gebot dem Sturm, vor uns zu fliehn;

wir freuten uns der Macht und Ehre, die uns hieß durch die Fluten ziehn.

Gott herrschet allgewaltig immer, da er auf alle Völker schaut.

Vor ihm gelingt's Empörern nimmer, es stürzet, wer auf Menschen baut.

4) Rühmt, Völker, unsern Gott; lobsinget, jauchzt ihm, der uns sich offenbart, 

der uns vom Tod zum Leben bringet, vor Straucheln unsern Fuß bewahrt. 

Du läuterst uns durch heißes Leiden, wie Silber rein wird in der Glut, 

durch Leiden führst du uns zu Freuden; ja alles, was du tust, ist gut.

5) Du hast uns oft verstrickt in Schlingen, den Lenden Lasten angehängt;

du ließest Menschen auf uns dringen,hast ringsumher uns eingeengt.

Oft wollten wir den Mut verlieren im Feuer und in Wassersnot,

doch kamst du, uns herauszuführen, und speisest uns mit Himmelsbrot.

6) Ich will zu deinem Tempel wallen, dort bring ich dir mein Opfer dar,

bezahl mit frohem Wohlgefallen Gelübde, die ich schuldig war;

Gelübde, die in banger Stunde - an allem, nicht an dir verzagt -

ich dir, o Gott, mit meinem Munde so feierlich hab zugesagt.

7) Die ihr Gott fürchtet, ich erzähle: kommt, hört und betet mit mir an! 

Hört, was der Herr an meiner Seele für große Dinge hat getan. 

Rief ich ihn an mit meinem Munde, wenn Not von allen Seite drang, 

so war oft zu derselben Stunde auf meiner Zung ein Lobgesang.

Text: Matthias Jorissen 1798


Melodie: Guillaume Franc, Flüchtling aus Rouen, lebte und arbeitete als Kantor an St. Pierre in Genf von 1541-45. Die Melodie schrieb er wohl 1543 in Genf.