Freitag, 8. Mai 2020: ein gutes Wort für jeden Tag: Kriegsende

Freitag, 8. Mai 2020: ein gutes Wort für jeden Tag: Kriegsende


# Berichte
Veröffentlicht von Marc Blessing am Freitag, 8. Mai 2020, 00:00 Uhr
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Freitag, 8. Mai: ein gutes Wort für jeden Tag: Kriegsende


Wort für den Tag

Selig sind, die Frieden stiften! Mt. 5, 9


Impuls - von Marc Blessing

Mein Großvater fiel im Frühjahr 1945 durch Bauchschuss. Nördlich von Warschau. Wenige Wochen bevor am 8. Mai in Paris und am 9. Mai in Berlin die Kapitulationsurkunden unterzeichnet wurden und der Krieg zu Ende war. Seine Leiche wurde in einem Notgrab hinter den Frontlinien verscharrt. Die Nachricht seines Todes erhielt meine Großmutter erst Monate nach Kriegsende. Als der Brief, der sie zur (Pfarrers-)Witwe machte, eintraf, schloss sie sich zwei Tage in ihr Zimmer ein. Sie hatte vier kleine Kinder. Sie wusste nicht, wie sie das schaffen sollte. 


Jahrzehnte später - die Mauer war längst gefallen und Polen gehörte zur EU - haben wir zusammen mit unseren Eltern das Grab meines Großvaters nördlich von Warschau besucht. Auf einem schön angelegten Soldatenfriedhof (Danke Deutsche Kriegsgräberfürsorge!) waren die Überreste tausender deutscher Soldaten zusammengeführt worden. Ich erinnere mich noch gut an den Moment, als meine Mutter den Namen ihres Vaters auf einer schwarzen Marmorstele entdeckte. Hier also lag er. Das letzte Zeichen seines Lebens. Der Schmerz darüber, dass der Krieg ihr den Vater, den sie sich so gewünscht hätte und nie haben durfte, geraubt hatte, stieg in ihr auf und brach sich Bahn. 


Über 6 Millionen ermordete Juden, geschätzte 70 Millionen Tote insgesamt waren im zweiten Weltkrieg zu beklagen. Und die eine Lektion, die alle, alle Überlebenden den nachfolgenden Generationen mitgegeben haben lautete: nie wieder!


Im Stuttgarter Schuldbekenntnis haben die Kirchen im Oktober 1945 bekannt: Durch uns ist unendliches Leid über viele Völker und Länder gebracht worden. ... Wir klagen uns an, daß wir nicht mutiger bekannt, nicht treuer gebetet, nicht fröhlicher geglaubt und nicht brennender geliebt haben.

 

Wir hoffen zu Gott, daß durch den gemeinsamen Dienst der Kirchen dem Geist der Gewalt und der Vergeltung, der heute von neuem mächtig werden will, in aller Welt gesteuert werde und der Geist des Friedens und der Liebe zur Herrschaft komme, in dem allein die gequälte Menschheit Genesung finden kann.


Ich fühle mich als Christ und als Enkel eines Pfarrers der Bekennenden Kirche verpflichtet, für das "nie wieder" einzutreten. Gerade heute, wo Rechtspopulisten die Geschichte umdeuten wollen und neue Nationalismen Raum greifen. Ich habe mit 18 Jahren den Militärdienst aus Gewissensgründen verweigert - und würde es wieder tun. Ich respektiere, dass Menschen aus guten Gründen Soldatin oder Soldat werden. Für mich wäre das keine Option. Ich habe die spinnige Idee, dass Konflikte ohne Waffen gelöst werden können. 


Im Zuge der Ausbreitung der Pandemie hat der Generalsekretär der Vereinten Nationen Antonio Guterres zu einem weltweiten Waffenstillstand aufgerufen. Erste Wirkungen zeigt der Aufruf: https://www.vaticannews.va/de/... Frieden aber beginnt bei uns selbst, bei mir selbst. In unseren Familien, in der Schule, in der Kirche, in unseren Parlamenten - schwierig genug. Und doch besser als alle Alternativen, die auf Gewalt setzen. 


Heute, am 8. Mai 2020, erinnern wir um 19.00 Uhr mit einem Solo-Viola-Konzert von Johannes Möhrle an diesen Tag, der in der deutschen Geschichte vom Tag der Niederlage und der Kapitulation zum Tag der Befreiung geworden ist. Und verpflichten uns neu, Frieden zu halten und dem Frieden zu dienen - und so den Auftrag Jesu zu erfüllen: Selig sind, die Frieden stiften, denn sie werden Gottes Kinder heißen. 


(Den link zum Konzert verschicken wir gegen 18.45 Uhr per newsletter und Sie finden den link ab dann auch auf unserer homepage: www.luther-genf.ch)


Hörempfehlung

John Rutter: The Lord bless you and keep you. Das wünsche ich Ihnen! https://www.youtube.com/watch?...

oder hier die Corona-Variante: https://www.youtube.com/watch?...


Gebet

Herr Jesus Christus! Du hast uns gelehrt, unsere Feinde zu lieben und für unsere Verfolger zu beten. In dieser Welt aber will die Sprache des Hasses und der Drohung nicht verstummen. 

Hilf uns, wirksam für den Frieden und für die Verständigung unter den Völkern einzutreten.

Bewahre alle, die Waffen tragen, und alle, die über Waffen befehlen, vor den Versuchungen der Macht. Gib, daß sie Frieden halten und dem Frieden dienen.

Laß das Zeugnis derer Gehör finden, die sich aus Gründen des Gewissens weigern, eine Waffe zu tragen: Gib, daß dadurch der Wille zur friedlichen Verständigung in der ganzen Welt wächst.

Lenke unsere Herzen und Sinne, daß wir uns auch in den unterschiedlichen Entscheidungen als deine Brüder und Schwestern erkennen und lieben.

Lehre uns, du Gott des Friedens, Gerechtigkeit zu üben unter uns und unter den Völkern, daß Streit sich nicht ausbreite und Haß nicht die Herzen verdunkle.

Sende dein Licht und deine Wahrheit, daß wir erkennen, was der Welt zum Heil dient. Richte unsere Füße auf den Weg des Friedens. Amen.

(Gebet EG 829)


Erinnern: illuminate the past!

Und was kann ich tun? 

Sie können heute eine virtuelle Kerze für eines der 6 Millionen jüdischen Opfer der Nazi-Herrschaft entzünden: www.illuminatethepast.org. Wenn Sie auf den link klicken, erscheint der Name eine Menschen, der im Holocaust ermordet wurde - und mit einem zweiten Klick entzünden Sie die Kerze. Wenn Sie wollen, erhalten Sie noch mehr Informationen über diesen Menschen von der Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem. Eine, wie ich finde, gute Form der Erinnerung in diesen Zeiten, in denen wir nicht physisch zusammen sein können.  


Bleiben Sie behütet - und vielleicht sehen wir uns heute Abend beim Konzert? 

Ihr Marc Blessing