Montag, 04. Mai: ein gutes Wort für jeden Tag: same procedure as every day

Montag, 04. Mai: ein gutes Wort für jeden Tag: same procedure as every day


# Berichte
Veröffentlicht von Sekretariat Luther Genf am Dienstag, 5. Mai 2020, 13:39 Uhr
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Montag, 4. Mai: ein gutes Wort für jeden Tag: same procedure

Bildquellennachweis: Wikipedia: Quint Buchholz, Giacomond


Hinweis: Die Predigt von Dagmar Magold vom gestrigen Gottesdienst finden Sie zum Nachlesen hier: Joh 15.1-8 Jubilate 3.Mai 2020 final.pdf



Impuls: same procedure as every day - von Karin Blessing


Unsere Tochter Michal Dorothee hat Schluckauf. Ich versuche ein Hausmittel und frage: "Was hatten wir vorgestern nochmal zum Mittagessen?" - Ernsthaftes Nachdenken und eine ganze Handvoll Angebote. Das gab es tatsächlich alles - aber vorgestern Mittag? Wir rekonstruieren eine halbe Woche à 3 Mahlzeiten plus Snacks und einigen uns - "hicks" - auf ein Gericht für die gefragte Zeit. 


Wie so oft führt mich meine Erinnerung in diesen Tagen - äh: Wochen - an der maskierten Nase herum. "Warte mal! - die Blumen habe ich doch erst gestern... nein, genau vor einer Woche, als ich mich zum dritten Mal wunderte, dass St. Pierre den Sonntag am Freitag einläutet, gegossen. "Wieso wäschst du die Bettwäsche schon wieder, das machst du doch sonst nicht so oft?" "Musst du jeden Tag einkaufen gehen?" Ja, jeden, aber nur jeden dritten oder vierten... 


Ich stelle fest: Irgendwie verschiebt sich die Zeitwahrnehmung. Zeitspannen schrumpfen oder dehnen sich unendlich aus. Warum speichern wir Alltag so anders ab als vor Corona-Zeiten? Ist etwas toujours, every day, dann meinen wir: comme de l'habitude, as usual. In unserer gegenwärtig so reduzierten Welt fallen tägliche Notwendigkeiten stärker ins Gewicht, registrieren wir mechanisiert Gewöhnliches anders. 


Manche Nebensächlichkeit gewinnt erstaunliche Bedeutung. Die Wassersprudlerpatronen sind alle leer - und ich weiß nicht, wo ich hier neue bekomme. Also: plattes Wasser. Lieb gewordene Übungen unterbleiben (für manche französischen Lebensmittel kaufe ich keinen Ersatz - das Produkt ist eben aus). Es ist, denke ich, die Sicherheit, die unser Leben gestaltbar macht. Nur wer nicht täglich das Rad neu erfinden und den Alltag immer wieder von vorne konzipieren muss, hat die angenehme Freiheit und innere Gleichmut, innovativ und kreativ zu sein. 


Nicht ohne Grund war die archaische Rollenverteilung so hübsch bequem: die einen für den basalen Kram und das Rückenfreihalten - aber bitte unsichtbar und in der zweiten Reihe, andere kraftvoll gut genährt auf der Bühne, sichtbar schaffend, ergebnis- und rückmeldeorientiert. Und nun? 


Alexander von Humboldt hat gesagt: "Alles ist in allem". 

Wir haben: "Alle sind mit allen" - in einem Land, in einer Solidargemeinschaft, in einer Hausgemeinschaft, in einer Familie. Jeder bekommt jeden mit, ohne Pardon und ohne Fluchtmöglichkeit. Die Eigenschaften der uns Nächsten kommen uns so dicht, wie kein Mensch es dürfte. Toleranz und Langmut sind gefragt. Kar, das sind ohnehin hochwertige Tugenden, die Arbeit daran kommt immer gut. 


Ich finde es aber gerade mühsam, auf unabsehbare Zeit sichere Unsicherheit zu leben, Ausnahmezustand zur Normalität zu erklären, haltloser Fels in der Brandung zu sein und maßvolle Relationen zu üben. Alles hat seine Zeit und sein Maß. Wir waren gewohnt, darüber zu bestimmen: fleitjepiepen!


Schon wahr: Dass ich mir nun solche Gedanken machen kann, liegt an einer komfortablen Lebenssituation ohne existentielle Sorgen, mit handlebaren Strukturen und ohne übermenschliche Forderungen. Meine "Challenge" liegt darin, mir diese Lebensmöglichkeit immer wieder vor Augen zu führen. Was will und kann ich? Weder am Zeitrad, noch an der Zukunft, nicht einmal an meinen Mitmenschen kann ich drehen - nur an mir selbst!


Gedankenspiele auf der Metaebene sind nicht schlecht, nur die Bodenhaftung sollte wohl nicht verloren gehen. Also, jetzt und hier: Michal Dorothee und ich haben über unsere anfänglich beschriebene Corona-Demenz gelacht. Darüber ist ihr Schluckauf verschwunden - um nach der nächsten Mahlzeit wieder da zu sein. 


Gedicht - von Karin Blessing

Auch wenn das Leben 

Fragment muss bleiben

Gott kann auf krummen 

Linien gerade schreiben

Gegenwart im Blick

Vergangenes lassen

Zukunft gestalten

sich selber nicht hassen. 


Liedstrophe: Ich möchte Glauben haben, EG 596, Ausgabe Niedersachsen

1. Ich möchte Glauben haben, der über Zweifel siegt, der Antwort weiß auf Fragen und Halt im Leben gibt.

2. Ich möchte Hoffnung haben für mich und meine Welt, die auch in dunklen Tagen die Zukunft offenhält.

3. Ich möchte Liebe haben, die mir die Freiheit gibt, zum andern ja zu sagen, die vorbehaltlos liebt.

4. Herr, du kannst alles geben: dass Glauben in mir reift, dass Hoffnung wächst zum Leben und Liebe mich ergreift.